Mein erstes Mentaltraining

 

Im Schulsport gab es eine Herausforderung, vor der ich regelmäßig kläglich scheiterte. Sie bestand im Überwinden eines Kastens, über den mit Anlauf gesprungen werden musste. Mich erfasste die Panik vor diesem monströsen Sportgerät bereits beim Betreten der Turnhalle, wenn ich den Kasten auf dem Parkett aufgebaut erblickte.

Kam dann die Sprungübung an die Reihe, so stellte ich mich ganz hinten an. So spät wie irgend möglich wollte ich der bevorstehenden unvermeidlichen Katastrophe ins Auge blicken. Schließlich waren alle Jungs vor mir mehr oder weniger elegant über den Kasten gehüpft. Zitternd und mit heftigem Herzklopfen nahm ich Anlauf, sprang voller Wucht auf das Absprungbrett, flog in hohem Bogen zum Kasten hin, doch dann schlug die Panik zu. Ich streckte die Arme aus, stemmte meine Hände auf den Kasten und krachte mit aller Wucht auf das Sportgerät. Schmerzen durchfuhren meinen Po.

Kopfschüttelnd stand mein Sportlehrer neben mir. „Michael“, mahnte er mich fassungslos, „du hast so viel Schwung, du würdest glatt über zwei Kästen kommen. Warum nur stützt du dich immer wieder ab?“.

Heute musste mein Lehrer sich vorgenommen haben, mich endgültig zu vernichten. Er forderte mich auf, noch einmal zu springen. Ich wagte nicht, ihm zu widersprechen und humpelte erneut zum Anlaufpunkt. Diesmal hatte sich mein Lehrer direkt hinter den Kasten gestellt. Er meinte, er wolle mich notfalls drüberziehen, wenn ich mich wieder angstvoll abstützen sollte, statt zu springen.

Ich nahm also Anlauf, rannte los und sprang. Als ich mich wieder panikartig abfangen wollte, griff der Lehrer nach meinen Armen und riss mich vorwärts. Dabei stürzte er, ich fiel auf ihn, nicht ohne dabei mit meinem Po den Kasten an der Kante schmerzhaft zu touchieren. Ich hatte wirklich viel Schwung, und so war der Sturz auch für meinen Sportlehrer schmerzhaft. Immerhin so schmerzhaft, dass er zu meiner Erleichterung von weiteren Versuchen absah, mich unfallfrei über den Kasten zu bringen.

Zu Hause berichtete ich über mein deprimierendes Sporterlebnis und meinen Ängsten. Mein Vater hörte sich das an, und fragte, ob ich bereit sei, eine kleine Übung zu erlernen und zu wiederholen, die mich beim nächsten Sportunterricht sicher über den Kasten bringen würde.

Ich muss ziemlich ungläubig geguckt haben und wohl auch etwas ängstlich, denn ich vermutete, dass mein Vater irgendwo heimlich so einen Kasten hätte besorgen können, an dem ich zu Hause üben sollte.

Zum Glück war mein Vater nicht Sportlehrer sondern Psychologe, und so kam ich zu meinem ersten Mentaltraining[1].

Mein Vater fragte mich, ob ich mir mit geschlossen Augen vorstellen könne, den Kasten mit einem fröhlichen Lächeln zu überspringen. Ich probierte das aus und tatsächlich gelang es mir, in der Vorstellung mühelos über das Sportgerät zu springen. Bis zum nächsten Sportunterricht, so fordert mein Vater mich auf, solle ich mir täglich mindestens fünfmal vorstellen, wie ich meinen Satz über den Kasten erfolgreich absolvieren könne. Vor dem nächsten realen Sprung möge ich kurz die Augen schließen, mir den erfolgreichen Sprung noch einmal vorstellen und dann loslaufen.

Gefühlte zwanzig Mal am Tag übte ich. Später lernte ich, dass diese Technik Visualisierung heißt und dazu dient, Blockaden zu lösen, die durch Stress aufgebaut wurden und Ziele zu erreichen.

Dann kam die nächste Sportstunde. Wieder stand der Kasten auf dem Parkett. Diesmal war die Prüfung angesagt, also der Sprung mit abschließender Benotung.  Anders als sonst spürte ich kein Herzklopfen mehr, sondern eher so etwas wie Neugier. Zwar reihte ich mich wieder am Ende der Schlange ein, als es zum Kasten ging. Doch dann war ich dran. Mein Sportlehrer zappelt nervös neben dem Kasten umher. Offenbar hatte ihn der Sturz mit mir nachhaltig beeindruckt.

Ich schloss die Augen und stellte mir noch einmal meinen erfolgreichen Sprung vor.
„Na los, komm schon“, rief mein Sportlehrer ungeduldig, der meine Konzentrationsübung mit geschlossenen Augen offenbar für pure Angst hielt. Ich lief an, sprang ab, berührte den Kasten nur mit den Fingerspitzen, flog weit über das Ende des Sportgerätes hinaus und stand dann auf der Matte, die Beine geschlossen, die Arme seitlich ausgestreckt. Meine Mitschüler, die sich schon auf ein weiteres Malheur und etwas Schadenfreude eingestellt hatten, klatschten leidenschaftlich Beifall und mein Lehrer starrte mich entgeistert an.

Ich war überglücklich. Ich hatte es geschafft. Und nicht nur irgendwie geschafft, sondern in tadelloser Haltung. „Eins“, rief mein Lehrer, „eins, das war sehr gut.“ Immer noch verwirrt über meine unbegreifliche Leistungssteigerung trug er die Note Eins für meinen perfekten Kastensprung in seine Kladde.

 

Was ist hier geschehen?

In der Terminologie von Daniel Kahnemann ist über das System 2 (Bewusstsein) dem System 1 (Unterbewusstsein) ein neues Verhaltensprogramm vorgegeben worden. In diesem Fall geschah das durch die Technik des Visualisierens. Dem Unterbewusstsein wurde ein Bild vom korrekten Handlungsablauf des Sprunges über den Kasten vermittelt. Durch das oftmalige Wiederholen des Zielbildes ist das ursprüngliche Verhaltensprogramm (panikartiges Abstützen auf dem Kasten) getilgt und durch ein neues Verhaltensprogramm (erfolgreicher Sprung) ersetzt worden.


Meist reicht es beim Mentaltraining aus, ein neues, gewünschtes Verhaltensprogramm zu installieren, um den Erfolg des Handelns sicher zu stellen. Zuweilen aber kann es wie im Fall der Schwimmerin Britta Steffen erforderlich sein, die Ursachen für hartnäckige Blockaden in einem gezielten Coaching zu erforschen und zu bearbeiten, um ein neues Handlungsmuster möglich zu machen.

 



[1] Training in der Vorstellung ist eine erfolgreiche Mentalübung zum Erlernen diffiziler Bewegungsabläufe

Über meine Arbeit als Begleiter

Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben,
sondern den Tagen mehr Leben.
Cicely SaundersBegründerin der Hospizbewegung

Seit dem Jahr 2002 arbeite ich ehrenamtlich als Sterbe- und Trauerbegleiter sowie als Ausbilder für Sterbe- und Trauerbegleiter für ambulante Hospizdienste.

Dabei bin ich immer wieder Menschen begegnet, die am Ende ihres Lebens Rückschau gehalten haben. Am Ende ihres Lebens bedeutete für manche, im Grunde mitten im Leben im Alter von 30, 40 oder 50 Jahren schmerzlich mit dem eigenen Sterben konfrontiert zu sein. Aber auch mit 70 oder 80 Jahren kann die Rückschau auf das Leben schmerzlich sein, wenn man nicht die Dinge gelebt hat, die wichtig waren.

So hat sich noch nie jemand bei mir beklagt, nicht genug Zeit für die Arbeit oder für das Finanzamt gehabt zu haben. Oft jedoch blieb im beruflichen Alltag zu wenig Zeit für die Familie, die Kinder, für Freunde oder Hobbies. Besonders dann, wenn die Arbeit selbst wenig Freude machte, die Beziehungen zerbrachen oder die Kinder sich entfremdeten war das Lebensende vielfach voller Trauer und Bitterkeit.

Vor diesem Hintergrund begann ich, mit Klienten zu arbeiten, die fernab einer tödlichen Bedrohung ihr Leben verändern wollten. Sei es, dass sie auf der Suche nach einem sinnvollen Lebensinhalt waren, dass sie Ängste vor bevorstehenden Änderungen oder Prüfungen hatten oder dass sie sich in Abkehr von dem Stress des bisherigen Alltags auf die ihnen wirklich wichtigen Dinge im Leben konzentrieren wollten.

So begann für mich der Weg über die Sterbe- und Trauerbegleitung hinaus zu einem Begleiten von Menschen, die ihren Tagen und Jahren mehr Leben geben wollen, die aufbrechen, die wirklich wichtigen Ziele in ihrem Leben kraftvoll anzustreben.

Tu was für dich

Die junge Frau, die mich zu einem Coaching aufsuchte, sprach leise und schnell. Sie beschrieb mir ihre Arbeit als Filmassistentin, die bei vielen Spielfilmen im Hintergrund die Fäden in den Händen hielt: die Auswahl von Locations zum Drehen, den Kontakt zu den Drehbuchautoren, die Auswahl von geeigneten Darstellern, Fragen der Finanzierung und Abrechnung, die Versorgung der Beteiligten am Set und manches Andere. Ihr Arbeitstag hatte oft 12–14 Stunden, manchmal auch mehr.
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Der letzte Versuch: Examensvorbereitung

Unruhig rutschte die Studentin auf ihrem Stuhl hin und her, immer wieder die langen braunen Haare aus dem Gesicht streichend. Ihr Problem war: sie hatte Lehramt studiert und war zweimal durch die letzte entscheidende Prüfung gefallen. Ein weiterer Fehlschlag hätte bedeutet, das Studium wäre vergeblich weil ohne Abschluss geblieben.

Sie war durch ihre Aufregung blockiert und konnte in der Prüfungssituation den zuvor intensiv gelernten Stoff nicht erinnern. Weiterlesen →