Mentaltraining in der Strebebegleitung

Die Koordinatorin des ambulanten Hospizdienstes, für den ich ehrenamtlich tätig war, bat mich, einen in ihren Augen schwierigen Fall zu übernehmen. Ein 50-jähriger Mann hatte eine Krebsdiagnose erhalten, die ihm nur noch eine kurze Lebensdauer ließ. Die Ehefrau des Kranken hatte um Unterstützung gebeten, weil sie mit der Situation ihres Mannes überfordert war. An einem sonnigen Wintertag besuchte ich das erste Mal den Krebskranken. Die Koordinatorin verabschiedete sich nach weinigen Minuten und ich war allein mit dem Mann. Dieser saß zusammengesunken in seinem Sessel und starrte teilnahmslos auf den bunt gemusterten Teppich.

Durch das große Fenster zur Terrasse drang vom tiefverschneiten Garten helles Sonnenlicht ins Wohnzimmer. Ich stellte mich vor und versuchte, eine Unterhaltung in Gang zu bringen. Es kam zu einem Gespräch, das im Wesentlichen aus einigen Fragen von mir und zähen, ganz leisen Antworten meines Gegenübers, Herrn B. bestand. Mir wurde allmählich klar, worin die Schwierigkeit im Umgang mit dem Mann bestand: er war tief depressiv. Meine Versuche, ihn auf das schöne Wetter draußen aufmerksam zu machen und vielleicht zu einem kleinen Spaziergang zu bewegen blieben ebenso wirkungslos wie mein Bemühen um einen Gesprächsfluss.

Zum Ende meines Besuches fragte mich Herr B. was denn Hospizdienst bedeute und meinte, er sei doch sicher der falsche Partner für eine Begleitung durch einen solchen Dienst.

Nach einer mir endlos erscheinenden Stunde verabschiedete ich mich und verabredete einen weiteren Termin.

Zu Beginn des zweiten Treffens drückte ich Herrn B. gegenüber meine Hilflosigkeit aus. Ich sagte ihm, dass ich nicht wirklich wüsste, wie ich mit ihm umgehen sollte. Vor allem aber sei mir nicht klar, was er selbst erwarte – ob er eine Begleitung zum Sterben oder zum Weiterleben wolle. Diese Frage riss Herrn B. förmlich aus seiner Lethargie und er rief aus: „Ich will leben!“

Stockend, aber nach und nach flüssiger erzählte er mir von seinem privaten Rückzug in den Keller vor den Computer, an dem er jede freie Stunde verbrachte. Erst die massive Intervention seiner Frau führte schließlich zu einer Regelung, dass er nur drei Abende in der Woche im Keller verschwand und sonst auch für seine Frau und die beiden pubertierenden Kinder da war.

Nach dem Ausbruch seiner Krebserkrankung verstärkten sich die Rückzugstendenzen von Herrn B. und gingen in eine tief depressive Stimmung über. Diese Stimmung führte dazu, dass seine Frau sich kaum noch zu Hause blicken ließ – sie flüchtete sich in die Arbeit. Seine Kinder entflohen der gedrückten Stimmung zu Hause, indem sie sich meist nach der Schule und oft auch über Nacht bei Freunden aufhielten.

Ich hatte bei meinen Besuchen daher außer einer ganz kurzen Begegnung mit der Frau von Herrn B. niemand sonst aus der Familie zu Gesicht bekommen.

Ich erzählte Herrn B. vom Mentaltraining und von den Möglichkeiten, mit der Kraft des Unterbewusstseins sein Leben zu beeinflussen. Damit war seine Neugier geweckt und wir erarbeiteten zusammen ein Programm von Visualisierungen und Affirmationen, die ihm halfen, wieder aktiv zu werden und den Kontakt zur Familie und zur Außenwelt wieder herzustellen.

Er kaufte sich ein Diktier- und Abspielgerät, sprach sich Meditationen und Affirmationen darauf, die wir gemeinsam erarbeitet hatten und war mit großem Eifer dabei, die Fortschritte auszubauen, neue Mentaltechniken auszuprobieren und sich Stück für Stück wieder ins Leben zurück zu begeben.

Die Krebserkrankung war jedoch weit fortschritten, so dass die Ärzte jegliche medizinische Therapie als aussichtslos beurteilten. Ein Vierteljahr nach meinem ersten Besuch verstarb Herr B.

Seine Frau unterrichtete mich am Telefon vom Ableben ihres Mannes. Und sie bedankte sich bei mir. Durch meine Arbeit mit ihrem Mann, so sagte sie, habe die Familie wieder zusammengefunden. Die Kinder hätten täglich mit ihrem Vater gesprochen, die ganze Familie hatte sich gemeinsame Opern-, Kino- und Konzertbesuche gegönnt. Zu Weihnachten habe es eine intensive Nähe und Verbundenheit gegeben, wie sie schon lange nicht mehr erlebt worden war. 14 Tage vor dem Tod von Herrn B. habe er mit allen Freunden und der ganzen Familie ausgiebig seinen  51. Geburtstag gefeiert, bevor dann ganz rapide der physische Verfall einsetzte.

Obwohl der Tod unvermeidlich war, waren die Tage und Wochen vor seinem Ende noch einmal mit Leben, Verbundenheit und Freude gefüllt gewesen.

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