Institut
Aktuell 2010-5
Vorsicht Falle: Unternehmerisch
denkende Mitarbeiter
Gastbeitrag von Georg Sieber,
Intelligenz System Transfer München
or Harm und Arg warnte man zu Zeiten des Biedermeier nachdrücklich. Der gute Mensch hatte so harm- wie arglos zu sein. Spuren dieser Werte finden sich noch heute. Am Rande des Englischen Gartens, nahe bei der Bayerischen Landesregierung, steht die Statue eines ziemlich unbekleideten, zarten, schlanken Knaben, vom Volksmund anzüglich „Der Harmlos“ genannt. Der brave Harmlos ist keines Bösen fähig. Und sein Seelenzwilling, der liebe Arglos, erwartet von niemandem Böses. Die beiden sind bis auf den heutigen Tag die Idole des Gutmenschen.
Gutmenschen findet man auch im Management vieler Großbetriebe. Sie bringen es zu Ansehen und Einfluss – etwa als Personaler. Der ist von Grund auf harmlos, wie er immer nur das Beste zu tun und zu geben glaubt. Und er ist arglos, wie er immer nur mit dem Guten rechnet. Das funktioniert, weil er aus komfortabler Position agiert. Seine Hauptarbeit erledigen dienstbare Geister. Sie führen die Gehaltskonten samt der Lohnbuchhaltung. Sie verwalten die Personalakten und das Bescheinigungswesen. Daher kann er sich ausgiebig auf dem bekanntlich weiten Feld des Psychologischen ergehen: Er dilettiert in der betrieblichen Weiterbildung, brilliert im Beurteilungswesen und expandiert in die Personalentwicklung. Dazu steht eine bunte Heerschar selbsternannter Experten auf Abruf bereit. Sie unterbreitet ihm nahezu täglich neue, ultimative „Konzepte“. Er muss nur zugreifen. Soweit der Betriebs- oder Personalrat mitspielt und sein Budget reicht, kann er aus dem Vollen schöpfen und muss weder Revision noch Evaluation fürchten.
Zum Top-Programm gehört das Erwecken des unternehmerisch denkenden Mitarbeiters. Harm- und arglos glaubt man gern, so einer werde das Interesse der „Firma“ rascher erkennen und gewiss konsequenter umsetzen. Da schreibt sich der Personaler gern auf die Fahne, solche Mitarbeiter zu finden, einzustellen, zu fördern, zu ertüchtigen, zu bestätigen und zu belohnen – eine wohltuend ganzheitliche Aufgabe von hohem Unterhaltungswert mit Auswahl- und Beurteilungsverfahren, Seminaren, Leitsätzen und Zertifikaten. Und alles zusammen als Komplettlösung im Zweijahresprogramm.
Wer es da genau nähme, würde jetzt wissen wollen, was denn „unternehmerisch“ ist, wie denn Unternehmer denken und gar handeln. Oswald von Nell-Breuning beispielsweise hielt dafür, ein wirklicher Unternehmer strebe nach Unabhängigkeit und freier Entfaltung, indem er gesellschaftlich Erwünschtes leisten will. Der große Aloys Schumpeter dagegen beharrt darauf, der wahre Unternehmer sinne stets auf gnadenlose Zerstörung, um auf den Trümmern Neues und Besseres gestalten zu können. Und der gute Adam Smith, der meist Ungelesene und doch gern zitierte, erkannte im Unternehmer gar einen Könner, der auf eigenes Risiko verlässlich zum Wohle der Nation rackert. Unternehmerisch?
Wenn aber ein Personaler „unternehmerisch“ sagt, meint er jemanden, der das eigene Interesse dem Unternehmensziel unterordnet. Deshalb würde der tatsächlich unternehmerische Mitarbeiter unseren Personaler tief enttäuschen: Seine Arbeitskraft setzt er als sein Kapital gezielt zum eigenen Vorteil ein. Deshalb geizt er mit seiner Arbeitszeit, spart die eigenen Kräfte, kassiert sich bietende Gewinne an Freizeit und Bezahlung, rangelt im Wettbewerb mit anderen um Vergünstigungen und Vorteile. Es gibt ihn ja tatsächlich, diesen unternehmerischen Mitarbeiter. Man sollte ihn fürchten. Er ist der Söldner unserer Zeit, der für ein paar Euro mehr gleich zum nächsten Arbeitgeber überläuft, der lieber den Büro-Helden gibt als die Bewährung an der harten Front zu suchen. Man erkennt ihn schon an seinem „CV“, in den er gewissenhaft all die interessanten Seminare hineinschreibt, die er in der Arbeitszeit bei voller Bezahlung besuchen durfte.
Da rät der Psychologe: Lasst das Unternehmertum den Unternehmern. Die sind nur ausnahmsweise arg- und harmlos, weil sie sonst nicht lange Unternehmer bleiben würden. Übrigens: Sie gruselt’s vor unternehmerisch denkenden Mitarbeitern.
München, im Juli 2010
© Georg Sieber
